Wann kippt der gesellschaftliche Zusammenhalt?

Fallbeispiele aus der Steinzeit und Gegenwart

Wir begegnen in der heutigen Zeit nahezu weltweit Protestbewegungen, die sich gegen bestehende gesellschaftliche Konventionen, Systeme und auch Institutionen richten. Beispiele sind etwa die Gelbwestenbewegung in Frankreich, die zunehmende Polarisierung und Radikalisierung in den USA, aber ebenso die Separatisten-Bewegung in Großbritannien oder auch anti-westliche Strömungen können im weitesten Sinne dazu gezählt werden. Wenngleich Zielsetzung und Motivation der jeweiligen Bewegungen auch zutiefst unterschiedlich sind, geht es immer um die Veränderung bestehender Ordnungen.

Mit Einsetzen der Covid-19-Pandemie haben sich diese Tendenzen verstärkt und werden zunehmend von politischen Splittergruppen aber auch Parteien im bisherigen Randbereich der Gesellschaften unterstützt, in jüngster Zeit sogar strategisch unterwandert. Es steht sehr zu befürchten, dass sich diese Tendenzen auch zukünftig fortsetzen werden.

Solche desintegrativen Prozesse sind jedoch in der Geschichte nicht neu. Im 20. Jahrhundert war beispielsweise das Jahrzehnt nach dem ersten Weltkrieg ebenfalls durch Polarisierung und Radikalisierung gekennzeichnet, was letztlich auch den Nationalsozialismus begünstigt hatte. Ein weiteres Beispiel sind die Studentenunruhen der späten 1960er Jahre. Tatsächlich finden sich immer wieder Phasen, in denen bestehende Ordnungen und Institutionen radikal in Frage gestellt werden und ihre breite gesellschaftliche Zustimmung verlieren.

Zusammenhalt
Grafik: Antikriegsdemonstration in den USA, 1968 (Quelle: David Wilson – www.flickr.com/photos/davidwilson1949/6056934707/in/photolist-5coszA-aeenEK-2CqzzK-8QZ5mo, CC BY 2.0, commons.wikimedia.org/w/index.php)

Um zu verstehen, welche möglichen Verhaltensmechanismen hinter diesen Desintegrationsphasen stehen könnten, haben Wissenschaftlern des RGZM und an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), in Zusammenarbeit mit weiteren Kollegen, ihre bisherigen Untersuchungen zu den Dynamiken früher Bauerngemeinschaften vor 7000 Jahren mit denen heutiger Gesellschaften im selben Gebiet untersucht: in Baden-Württemberg. Dies geschah, weil die archäologischen Datensätze dort sehr gut aufgearbeitet sind. 

Die Fallstudie zeigt, dass auch steinzeitliche Gesellschaften mit wenigen hundert Mitgliedern ganz ähnliche Abfolgen von gesellschaftlichen Integrations- wie Desintegrationsphasen durchlaufen. Untersucht wurde jeweils der gesellschaftliche Zusammenhalt, gemessen an der Diversität oder der Homogenität der Identifikation der Individuen mit den für sie sozial und politisch bedeutsamen Gruppen (Parteiidentifikation). Sowohl bei den Bauerngemeinschaften wie auch bei den modernen Gesellschaften (ab der Gründung des Deutschen Reiches 1871) variiert der gesellschaftliche Zusammenhalt. Ein Rückgang der Diversität führte vielfach zu gewaltsamen Konflikten, etwa den beiden Weltkriegen und der Revolution 1918, oder – vor 7000 Jahren –zum Zusammenbruch der frühen bäuerlichen Gesellschaften.

Es scheint, dass der Kipppunkt, an dem die desintegrativen Kräfte in Gesellschaften den Zusammenhalt zu gefährden beginnen, weniger in wirklichen Krisensituationen zu finden sind, sondern diesen vorrausgehen, und in Blütephasen begründet sind. Es scheint auch, dass Gesellschaften vor diesem Kipppunkt externe und interne Stressfaktoren effektiver bewältigen können. Von daher kann postuliert werden, dass die Frage, wie effektiv wir Herausforderungen wie Covid-19 und dem Globalen Klimawandel begegnen, sehr davon abhängt wie einheitlich die Gesellschaft darauf zu reagieren vermag.

| Detlef Gronenborn, RGZM

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Die Fallstudie wurde als Kapitel eines Sammelbandes veröffentlicht

D. Gronenborn/H.-C. Strien/K. W. Wirtz/P. Turchin/C. Zielhofer/R. van Dick, Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and modern SW Germany. In: F. Riede/P. D. Sheets (Hrsg.), Going Forward By Looking Back. Archaeological perspectives on socio-ecological crisis, response, and collapse. Catastrophes in Context volume 3 (New York, Oxford 2020) 333-366.

Weitere Bilder auf der dazugehörigen Seite des RGZM

Auf Archaeologik findet sich zudem ein Blogbeitrag des Autors zum selben Thema