Jüdisches Kulturerbe in Westfalen

Westfalen

Blick auf die Kellermikwe im Gewölbekeller des Glockengießerhauses. Foto: LWL Archäologie für Westfalen/ Thomas Pogarell

Spuren jüdischer Kultur sind überall – ganz im Gegensatz zu ihren materiellen, sichtbaren Hinterlassenschaften, die in erschreckendem Ausmaß von den Pogromen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, dem nationalsozialistischen Terror und der Ignoranz jüngerer Zeiten getilgt wurden. In Westfalen lässt sich jüdisches Leben seit dem Hochmittelalter nachweisen, archäologische Befunde jedoch sind Mangelware. Bei den wenigen noch aus dem Mittelalter auf uns gekommenen Monumenten, handelt es sich vor allem um Grabsteine.

In neun westfälischen Gemeinden konnten bislang Überreste jüdischer Einrichtungen archäologisch untersucht werden. Davon sind zwei Objekte hervorzuheben, weil hier archäologischer Befund und Baudenkmal ein hervorragend erhaltenes Ensemble bilden:

In Petershagen hat ausweislich der Schriftquellen schon im Jahre 1680 eine Synagoge bestanden. Ob es sich dabei um die zwischen 1800 und 1842 an der Goeben-, ehedem Synagogenstraße nachweisbare Fachwerksynagoge handelte, ist unklar. Deren maroder Zustand jedenfalls erforderte den Neubau eines Gotteshauses, das 1846 eingeweiht werden konnte. Während von dem Vorgängerbau archäologisch nur noch die Fundamente der Außenwände und Frauenempore nachzuweisen waren, hatten der originale Backsteinboden sowie Fundament bzw. Plattierung des Thora-Schreines und der Bima des Nachfolgers überdauert. Im zur Synagoge gehörigen Schulhaus konnte 2008 die ehemalige Badekammer mit hervorragend erhaltener Mikwe freigelegt werden.

In Warburg findet man das bislang älteste jüdische Tauchbad Westfalens. Im Gewölbekeller des Glockengießerhauses, das im 16. Jahrhundert als stattlicher Vierständerbau inmitten der Altstadt an ein älteres Steinwerk angebaut worden war, legten Mitarbeiter der LWL-Archäologie ein bis dato unbekanntes Ritualbad frei, das zur Gruppe der sogenannten Kellermikwen gehört. Der Boden des vermutlich von Calmen Schmuel in Auftrag gegebenen Tauchbades, der das Gebäude im Jahre 1750 erwarb, liegt knapp 2,5 m unterhalb des Kellerfußbodens. Bis zu ihrer Aufgabe Ende des 19. Jahrhunderts wurde die exzellent erhaltene Anlage zweimal umgebaut.

Anlässlich des Europäischen Tags des jüdischen Kulturerbes am 05. September 2021 stellt die LWL-Archäologie für Westfalen gemeinsam mit dem Trägerverein AG Alte Synagoge die Ergebnisse der archäologischen Forschung in den Räumlichkeiten der Petershagener Synagoge vor, die bei dieser Gelegenheit auch gerne besichtigt werden kann.

| Wolfram Essling-Wintzer, LWL-Archäologie für Westfalen

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