Reliquienschrein blieb nach Raub noch intakt

Sie ist nicht größer als vier übereinander gestapelte Kartendecks – eine winzige Kiste, die aus einer irischen Kirche gestohlen wurde. In Irland enthielt die Kiste, ein Reliquienschrein, die Überreste eines Heiligen.  Aber als sie von Wikingern gestohlen und nach Norwegen gebracht wurde, taten sie etwas Ungewöhnliches damit. Anstatt sie in Stücke zu brechen und Schmuck daraus zu machen, hielten die Wikinger sie intakt.

„Dieses Objekt ist wichtig, weil es intakt geblieben ist. Wir können es ganz klar als das identifizieren, was es ist und was es war“, sagt Griffin Murray, Dozent am Department of Archaeology am University College Cork, in der neuen Folge von 63 Degrees North, dem neuen englischsprachigen Podcast der NTNU.

Eine Zeitmaschine

Das Reliquiar oder der Schrein ist extrem selten, sagt Aina Heen-Pettersen, Doktorandin an der NTNU, die den Schrein als Teil ihrer Forschung untersucht hat.
Er wurde erstmals 1906 von einem Bauern in Overhalla, nördlich von Trondheim, entdeckt. Er meldete es dem Museum in Trondheim, und ein Archäologe, Theodor Petersen, kam 1907 auf den Hof, um den Fundort zu untersuchen.

Als Petersen den Fund dokumentierte, stellte er fest, dass der Reliquienschrein in einem Grab beigesetzt worden war, in dem sowohl ein Mann als auch eine Frau lagen. Die Platzierung der Reliquie deutete darauf hin, dass sie mit der Frau begraben worden war, so Heen-Pettersen.
„Es ist möglicherweise eines der seltensten und speziellsten christlichen Objekte, die über die Nordsee gereist sind“, sagte sie.

Fotografie einer Fibel mit geometrischen Elementen und Einlagen aus roten Steinen. Die Fibel stammt aus dem gleichen Grab, in dem auch der Reliquienschrein gefunden worden war.
Diese Fibel wurde mit der Melhus-Frau begraben gefunden. Ihre Größe lässt vermuten, dass sie nur zu zeremoniellen Zwecken getragen wurde. Foto: Per E. Fredriksen, NTNU Universität. Museum

Gefährliche Reisen brauchten besondere Rituale

Obwohl die Populärkultur die Reisen der Wikinger selten als gefährlich darstellt, waren sie in der Tat sehr riskant. Es bestand die Gefahr von Schiffbrüchen, Krankheiten und Gewalt, so Heen-Pettersen.
„Während das Meer sowohl eine primäre Nahrungsquelle als auch ein lebenswichtiges Kommunikationsmittel für die Wikinger war, ist es klar, dass das Meer, besonders die offene See, als eine potentiell gefährliche Kraft erkannt wurde, die eine ständige Herausforderung für die Seefahrer darstellte“, sagte sie.

Und das könnte erklären, warum das Reliquiar nie aufgebrochen wurde. Wer mehr darüber erfahren möchte, wie die Wikinger den Reliquienschrein benutzt haben könnten – und wie Archäologen das alles herausgepuzzelt haben – kann sich den dazugehörigen Podcast anhören.

Nach einer Pressemeldung der Norwegian SciTech News – Research News from NTNU and SINTEF

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