Rezept der letzten Mahlzeit des Tollund-Manns enthüllt

Archäologen konnten die letzte Mahlzeit des Tollund-Manns detaillierter als je zuvor rekonstruieren. Er scheint ein Menschenopfer gewesen zu sein, das vor 2.400 Jahren in einem dänischen Moor abgelegt wurde. Doch trotz dieser außergewöhnlichen Behandlung war seine letzte Mahlzeit relativ gewöhnlich.

Der Darminhalt des Tollund-Mannes wurde forensisch analysiert, als er 1950 entdeckt wurde. Dabei wurden Spuren von Getreide und Wildpflanzen entdeckt, die wahrscheinlich 12-24 Stunden vor dem Tod gegessen wurden.

„Da sich das Wissen über Pflanzenmakrofossilien und die Methoden zur Analyse von Darminhalten seit 1950 stark verbessert haben, haben wir uns entschlossen, den Darminhalt des Tollund-Mannes erneut zu untersuchen“, sagt Dr. Nina H. Nielsen vom Museum Silkeborg, Hauptautorin der neuen Studie.

Die Aufnahme zeigt die Reste des Darminhalts des Tollund-Manns. Zu sehen sind winzige Bestandteile u.a. von Körnern und Getreide.
Mikroskopische Aufnahme des Darminhalts des Tollund-Manns (Antiquity Publications Ltd, Nina H. Nielsen et al., The last meal of Tollund Man: new analyses of his gut content Foto von P.S. Henriksen, Danish National Museum).

Dr. Nielsen und ein Team aus mehreren anderen dänischen Institutionen arbeiteten zusammen, um Proben aus dem Darm des Tollund-Mannes neu zu analysieren. Ihre Ergebnisse, die in der Zeitschrift Antiquity veröffentlicht wurden, ermöglichten es ihnen, diese eisenzeitliche Mahlzeit zu rekonstruieren – bis hin zur Art der Zubereitung.

„Wir können jetzt ziemlich genau das Rezept der letzten Mahlzeit des Tollund-Menschen rekonstruieren. Die Mahlzeit war recht nahrhaft und bestand aus einem Gerstenbrei mit einigen Samen von Ampfer-Knöterich und Flachs“, sagt Dr. Nielsen.

Sie entdeckten auch, dass die Mahlzeit Fisch enthielt und der Brei in einem Tontopf gekocht wurde, wahrscheinlich mit Wasser aus einem See oder Moor.

„Auf diese Weise kommen wir einer bestimmten Situation in der Vergangenheit sehr nahe – man kann sich fast vorstellen, wie sie an der Feuerstelle saßen und den Gerstenbrei und den Fisch zubereiteten“, sagt Dr. Nielsen.

Fotos von: a) Gerste (Hordeum vulgare) Perikarp mit dunkler Hilumlinie; b) Sand; c) Futterkruste; d) spitze Enden von Flachs (Linum usitatissimum) Samen aus dem Darminhalt des Tollund-Manns. Jedes Quadrat in a, b und d misst 1 × 1 mm. (Antiquity Publications Ltd, Nina H. Nielsen et al., The last meal of Tollund Man: new analyses of his gut content Foto von P.S. Henriksen, Danish National Museum).

Während diese Detailgenauigkeit außergewöhnlich ist, scheint es, dass die letzte Mahlzeit des Tollund-Mannes keine war – Brei war wahrscheinlich ein typisches Gericht im eisenzeitlichen Nordeuropa. Es ist auch bekannt, dass Fisch in dieser Zeit gegessen wurde, obwohl er keinen wesentlichen Teil der Ernährung ausmachte.

Allerdings enthielt die Mahlzeit auch Samen vom Ampfer-Knöterich, die typischerweise beim Reinigen des Getreides beim Dreschen entfernt werden. In diesem Fall scheint der anfallende Dreschabfall mit diesen Samen, Sand und anderem Abfall als eigentliche Zutat für den Brei verwendet worden zu sein.

Alles in allem war es eine nahrhafte Mahlzeit, die die Hälfte der Kalorien für den Tag geliefert hätte.

„Bis jetzt wissen wir nicht, ob die Verwendung von Treschenabfällen in der eisenzeitlichen Küche normal war oder ob diese Zutat nur bei besonderen Anlässen wie Menschenopfern verwendet wurde“, sagt Dr. Nielsen.

Die Forschungen ergaben auch, dass der Tollund-Mann zum Zeitpunkt seines Todes an mehreren Parasiten litt, darunter Peitschenwurm, Bandwurm und Maulwurm.

Diese geben Aufschluss darüber, wie es um die Gesundheit und Hygiene in der Eisenzeit bestellt war, da diese wahrscheinlich durch den Verzehr von nicht ausreichend gegartem Fleisch und verunreinigter Nahrung oder Wasser verursacht wurden.

Die Forscher hoffen, dass die hier verfeinerten Techniken zur erneuten Untersuchung anderer Moorleichen verwendet werden können, um mehr Licht auf Ernährung, Rituale und Gesundheit in der Vergangenheit zu werfen.

Nach Pressemeldung der Zeitschrift Antiquity

Originalpublikation

Nina H. Nielsen, Peter Steen Henriksen, Morten Fischer Mortensen, Renée Enevold, Martin N. Mortensen, Carsten Scavenius & Jan J. Enghild, The last meal of Tollund Man: new analyses of his gut content (Publiziert in der Zeitschrift Antiquity https://doi.org/10.15184/aqy.2021.98)

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