Die Leiern aus Sutton Hoo und Trossingen haben Verwandschaft in Kasachstan

Musiker benutzten im frühmittelalterlichen Nordeuropa eine bestimmte Art von Leier. Eines dieser Saiteninstrumente wurde beispielsweise in dem berühmten Schiffsgrab von Sutton Hoo aus dem 7. Jh. gefunden. Jetzt hat die Forschung eine weitere dieser Leiern identifiziert – über 4.000 km entfernt in Kasachstan.

Links: Die am besten erhaltene Leier aus Dzhetyasar (Credit: G. Kolltveit); rechts: eine Nachbildung der Leier aus Sutton Hoo (Credit: A. Praefcke, Public Domain).

Musiker benutzten im frühmittelalterlichen Nordeuropa eine bestimmte Art von Leier. Eines dieser Saiteninstrumente wurde beispielsweise in dem berühmten Schiffsgrab von Sutton Hoo aus dem 7. Jh. gefunden. Jetzt hat die Forschung eine weitere dieser Leiern identifiziert – über 4.000 km entfernt in Kasachstan.

Diese Entdeckung ist das Ergebnis einer erneuten Analyse von Ausgrabungen aus der Sowjetzeit, die von den späten 1930er bis Mitte der 1990er Jahre stattfanden. Im Jahr 1973 wurden bei diesen Ausgrabungen eine Reihe von Holzgegenständen aus einer mittelalterlichen Siedlung im Gebiet Dzhetyasar im Südwesten Kasachstans gefunden.

Während diese Holzobjekte lange Zeit nicht identifiziert werden konnten, wurden sie in neueren Arbeiten als Musikinstrumente erkannt. Die in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlichten Forschungsergebnisse grenzen den Kreis nun weiter ein und zeigen, dass zumindest eines der Instrumente aus Kasachstan der in Sutton Hoo gefundenen Leier zu entsprechen scheint.

„Das Artefakt wurde von dem kasachischen Archäologen Dr. Azilkhan Tazhekeev als Musikinstrument identifiziert und auf das 4. Jahrhundert n. Chr. datiert“, so Dr. Gjermund Kolltveit, ein unabhängiger Wissenschaftler aus Norwegen und Autor der neuen Forschungsarbeit. „Ich war verblüfft über die Ähnlichkeit des Instruments mit Leiern aus Westeuropa, die aus der gleichen Zeit bekannt sind.

Diese Art von Leier ist lang und flach mit einem einteiligen Resonanzkörper, der parallele Seiten und einen gewölbten Boden hat. Sie unterscheiden sich von den Leiern aus dem klassischen Mittelmeerraum. Als die Leier aus Sutton Hoo in den 1930er Jahren gefunden wurde, hielt man sie zunächst nicht für eine Leier, sondern für eine kleine Harfe.

Seitdem wurden weitere Leiern dieser Art gefunden, wie z. B. ein fast unversehrtes Exemplar aus einem alamannischen Grab in Trossingen in Baden-Württemberg. Andere Funde deuten darauf hin, dass diese Art von Leier schon vor den Römern existierte, obwohl die meisten Beispiele aus dem frühen Mittelalter stammen, wie das Instrument aus Sutton Hoo.

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„Bislang sind Leiern dieses Typs – bekannt aus dem Schiffsgrab von Sutton Hoo und dem Kriegergrab in Trossingen, Süddeutschland – außerhalb Westeuropas überhaupt nicht bekannt“, so Dr. Kolltveit, „daher ist die Identifizierung eines auffallend ähnlichen Instruments 4.000 km entfernt eine bahnbrechende Neuigkeit.“

Die Leier aus Dzhetyasar hat den gleichen Resonanzkörper, die gleichen Arme und den gleichen Querbalken wie ihre westlichen Verwandten. Mit einer Datierung um das 4. Jahrhundert n. Chr. passt sie auch in den Zeitrahmen der nordeuropäischen Leiern.

„Wäre sie auf einem angelsächsischen Friedhof oder irgendwo anders im Westen gefunden worden, wäre die Leier aus Dzhetyasar nicht fehl am Platz gewesen“, schreibt Dr. Kolltveit in der Studie.

Obwohl sie Tausende von Kilometern von ihren Verwandten entfernt gefunden wurde, könnte dieser Fund dazu beitragen, die vielen Fragen zu klären, die zu dieser Art von Leier noch offen sind: Handelt es sich um eine einzigartige nordeuropäische Entwicklung oder ist sie Teil einer breiteren musikalischen Tradition?

Dzhetyasar ist ein wichtiger Ort an der Seidenstraße, der Handelsroute, die Ost und West miteinander verband. Es ist daher möglich, dass die Leier entlang dieser Route reiste und Byzanz, die Levante oder sogar noch weiter östlich als nach Kasachstan gelangt sein könnte. Vielleicht liegen die Ursprünge dieses Instruments auch irgendwo an der Seidenstraße.

„Ich hoffe, dass wir mit kasachischen Archäologen zusammenarbeiten werden und ein Team für eine gründliche Untersuchung dieses einzelnen Instruments zusammenstellen können, das wir aus technologischer Sicht noch immer nicht vollständig verstehen“, sagt Dr. Kolltveit und weist darauf hin, dass weitere Untersuchungen von Ausgrabungen aus der Sowjet-Ära dazu beitragen könnten, die Geschichte dieses Instruments zu ergründen.

Die Leier von Sutton Hoo hat möglicherweise eine viel tiefere, globalere Geschichte als erwartet und deutet auf eine stärker vernetzte Musikwelt im Mittelalter hin.

Originalpublikation:

The Sutton Hoo lyre and the music of the Silk Road: a new find of the fourth century AD reveals the Germanic lyre’s missing eastern connections – Gjermund Kolltveit
https://doi.org/10.15184/aqy.2021.164

Nach einer Pressemeldung von Antiquity.

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