UR-Aufführung: Vom Anfang der Musik

Ein abgetrenntes Gelenk eines Gänsegeiers, Stein- und Knochengerätschaften mit Anhaftungen mikroskopisch kleiner Reste von Vogelfedern, ein gespaltener Rundstab aus Mammutelfenbein… Gut 40 solch originaler Fragmente eiszeitlicher Flöten, steinzeitliche Werkzeuge und Arbeitsabfälle, entdeckt in den UNESCO­-Höhlen der Schwäbischen Alb, sind Ausgangspunkt der neuen Präsentation zur Musik mit den weltweit ältesten Musikinstrumenten im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (URMU).

Transformation – Flötenherstellung vom Rohmaterial zum Instrument (©urmu).

Die neuen Räume bieten die bislang umfassendste Ausstellung prähistorischer Instrumente und werden am Samstag, 18. Dezember, eröffnet. Höhepunkte sind die Originale der Gänsegeierflöte aus der Fundstelle Hohle Fels sowie einer Schwanenflöte und der Elfenbeinflöte aus dem Geißenklösterle. Sie zählen zu den spektakulärsten Entdeckungen der Eiszeit-Archäologie und stehen im Mittelpunkt der internationalen Forschung zur Entstehung der Musik.

,,Als Forschungsmuseum der Universität Tübingen kann das URMU diese Leitartfakte der Musikarchäologie nun nicht nur als fertige Objekte in einer Vitrine präsentieren“, sagt Prof. Nicholas Conard von der Abteilung für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an der Universität Tübingen und wissenschaftlicher Direktor des URMU. ,,Gerade die Darbietung der vielen bruchstückhaften Grabungsfunde aus den Welterbehöhlen des Ach- und Lonetals führt Besuchern die jahrelange archäologische Arbeit, vor allem aber die handwerkliche und intellektuelle Leistung der eiszeitlichen Menschen vor 40.000 Jahren vor Augen.“ Jeder Fund steht in der Neupräsentation des Museums für einen Arbeitsschritt beim Bau eiszeitlicher Flöten. Erläutert wird dieser Herstellungsprozess nicht textreich auf Tafeln, sondern an neun Videostationen. Sie dokumentieren die experimentelle Rekonstruktion von Mammutelfenbein- und Vogelknochenflöten unter ausschließlicher Verwendung archäologisch verbriefter Werkzeuge.

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Etwa zwei Stunden dauerte es, bis aus einem hohlen Vogelknochen eine Flöte gefertigt war. Gut hundert Stunden muss der Bau einer Flöte aus massivem Mammutelfenbein gedauert haben. ,,Die Flöten weisen die eiszeitlichen Jäger und Sammler als feinmotorische und feinsinnige Personen aus, in deren Gesellschaft Musik und Tanz eine zentrale Rolle gespielt haben müssen“, sagt Dr. Stefanie Kölbl, geschäftsführende Direktorin des URMU. ,,Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und viele Experimente mit Nachbauten der Instrumente zeigen, dass jedes Instrument seinen eigenen Charakter in Klang und Spielweise aufwies. Ein und dasselbe Instrument könnte überdies mit unterschiedlichen Mundstücken angeblasen worden sein: mal mit einem Stück Birkenrinde wie eine Klarinette, mal mit Hilfe eines Schilfohrs wie eine Oboe oder auch als sogenannte Schräg- oder Kerbflöte.“

Für Hörstationen im Museum und Videos auf dem Medien-Guide des Museums haben Profi-Flötistinnen mehrere Kompositionen und Anspielarten eingespielt.

Elfenbeinfklöte- Nachbau (©URMU – Flötistin Gabriele Dalferth).
Geißenklösterle – Elfenbeinflöte (©urmu).

Außerdem ist in die Ausstellung eine außergewöhnliche zeitgenössische Installation integriert: Dort können Besucher eine Mammutelfenbeinflöte zum Klingen bringen und mit ihren Bewegungen eigene Kompositionen erschaffen. Ziel dieser interaktiven Tanzinstallation ist, das heutige Publikum mit dem Klang der Eiszeit in Verbindung zu bringen.

Farbige Eiszeit – vom Rohmaterial zur Farbe
Farbige Eiszeit – vom Rohmaterial zur Farbe

„Nirgendwo sonst können eiszeitliche Musikinstrumente, ihre Entstehung, ihre Spielweisen und ihre Bedeutung so erfahren werden wie hier“, sagt Prof. Dr. Claus Wolf, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege und Direktor des Archäologischen Landesmuseums (ALM), dessen Zweigmuseum das URMU ist:

„Überhaupt, eine entsprechend auratische Gestaltung mit der Fülle an Funden zum Ursprung der Kultur vor 40.000 Jahren gibt es an keinem anderen Präsentationsort. Das unterstreicht die Bedeutung des URMU im Verbund mit dem ALM als zentraler Präsentationsort für das UNESCO-Welterbe „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“.“ Der Eiszeitkunst ist auch der aktuell überarbeitete und ergänzte Farbenraum gewidmet. Er ist gekleidet in Farbpigmente aus Steinbrüchen der Region. Hier zeigt sich die Farbpracht, die den Eiszeitmenschen dank Ocker, Rötel und Holzkohle zur Verfügung stand. Den frühen Nachweisen der Malerei von der Schwäbischen Alb – bemalte Steine aus dem Geißenklösterle und aus dem Hohle Fels – stehen Funde zur Seite, welche die Farbaufbereitung durch eiszeitliche Menschen dokumentieren: Reibsteine, auf denen mineralische Farbbrocken zu Erdpigmenten verarbeitet worden waren, Muscheln, in denen Farben mit Bindemitteln wie Wasser angerührt worden waren, oder ein gelochter Hämatit, der als Anhänger getragen werden und für Markierungen genutzt werden konnte. Mit „Safer“ (1954), einem Werk Willi Baumeisters, der sich intensiv mit der Kunst der Altsteinzeit auseinandergesetzt hat, schlägt das Museum, das sich auch als Galerie für 40tausend Jahre Kunst versteht, den Bogen in die Gegenwartskunst.

Mit der Eröffnung der Klangräume und des Farbenraums feiert das URMU den Beginn einer grundlegenden Erneuerung seiner Dauerausstellung. Das Museum präsentiert schon seit 2014 ein einzigartiges Ensemble eiszeitlicher Kunst aus Höhlen im Ach- und Lonetal am Südrand der Schwäbischen Alb. Darunter neben den ältesten Musikinstrumenten auch die Venus vom Hohle Fels als älteste bekannte Menschendarstellung, zahlreiche Tierfiguren und vielfältige Schmuckstücke aus der jüngeren Altsteinzeit. Nach Ausrufung der altsteinzeitlichen Fundhöhlen und der eiszeitlichen Artefakte zum UNESCO-Welterbe „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“ im Jahr 2017 wird eine Vielzahl der Fundstücke unter Berücksichtigung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse nun neu präsentiert. Bis 2023 sind weitere Modernisierungsschritte geplant: So überarbeitet das urmu derzeit die Ausstellung der steinzeitlichen Werkzeuge. In einem letzten Schritt werden die Mammutelfenbeinperlen, Tierzahn- und Fossilienanhänger aus den UNESCO-Höhlen, die die ältesten ihrer Art weltweit sind, eine neue Präsentation erhalten. Insgesamt investiert die Stiftung „Urgeschichtliches Museum et Galerie 40.000 Jahre Kunst“ bis 2023 rund 400.000 Euro in die Modernisierung und Aktualisierung der Ausstellung. Sie erhält dafür unter anderem eine maßgebliche Förderung von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durch das Investitionsprogramm Nationaler Kulturgüter (INK2020) und durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg aus dem Innovationsfonds Kunst. Die Förderung durch den Bund unterstreicht die nationale Bedeutung, die das URMU in der Museumslandschaft hat.

Nach einer Pressemeldung des URMU.

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