Sonnensturm bringt Licht ins Dunkel – Der Handel zwischen dem islamischen Nahen Osten und der Welt der Wikinger

Eine multidisziplinäre Gruppe dänischer Forscher hat neue astronomische Erkenntnisse genutzt, um genau zu bestimmen, wann der Handel zwischen dem Nahen Osten und Skandinavien in der Wikingerzeit begann. Die Ergebnisse wurden in der internationalen Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.

Eine Auswahl importierter Glasperlen aus dem späten 8. und frühen 9. Jahrhundert n. Chr., die im Emporium von Ribe, Dänemark, gefunden wurden. Wie die neue Studie zeigt, wurde die lokale Glasperlenproduktion um 790 n. Chr. weitgehend durch Fernimporte ersetzt (Foto: Sydvestjyske Museer).

Mobilität hat die Welt schon lange vor der Neuzeit geprägt. Archäologen tun sich jedoch oft schwer damit, eine Zeitachse für die Entwicklung und die Auswirkungen der Mobilität zu ziehen. Eine interdisziplinäre Forschergruppe des Centre for Urban Network Evolutions (UrbNet) der dänischen Nationalen Forschungsstiftung an der Universität Aarhus hat gerade einen Durchbruch erzielt, indem sie neue astronomische Erkenntnisse über die Sonnenaktivität in der Vergangenheit nutzte, um einen Fixpunkt für die globalen Verbindungen um 775 n. Chr. festzulegen. Die Forscher führten in Zusammenarbeit mit den südwestjütländischen Museen im Rahmen des Projekts Northern Emporium eine große Ausgrabung in Ribe durch, das in der Wikingerzeit eine der größten Handelsstädte Skandinaviens war. Mit Hilfe der Ausgrabung und des anschließenden Forschungsprojekts, das von der Carlsberg-Stiftung finanziert wurde, konnten sie genau feststellen, wann Gegenstände aus verschiedenen Teilen der Welt durch Handel nach Ribe kamen. Auf diese Weise konnten sie nachvollziehen, wann das ausgedehnte Handelsnetz der Wikingerzeit mit Regionen wie Norwegen, dem Fränkischen Reich und dem Nahen Osten entstanden ist. Um eine Zeitleiste dieser Ereignisse zu erstellen, haben die Forscher eine neue Methode der C-14-Datierung entwickelt.

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Die Wikinger

Das Bild der Wikinger ist in der öffentlichen Wahrnehmung geprägt von einer Fokussierung auf die namensgebenden Raubzüge. »Die« Wikinger werden als wilde, barbarische Krieger dargestellt, die auf ihren Langschiffen in ­Scharen in die christlich-europäische Welt einfielen. Ihre Raubzüge werden einer ­unabwendbaren Naturkatastrophe gleichgestellt oder – wie es teilweise in den Überlieferungen christlicher Mönche formuliert wird – als Strafgericht ­Gottes für die Sünden der Christenheit.
Dass dieses, auch heute nach über 1000 Jahren noch so zentrale Bild dieser ­vielschichtigen und faszinierenden Kultur in erster Linie aus den alles andere als objektiven Aufzeichnungen christlicher Mönche resultiert, bleibt bei diesen Darstellungen oft unerwähnt. Es ist daher wichtig, diesen so zentralen Aspekt der Wikingerzeit aus archäologischer Sichtweise aus zu betrachten.

Neue Anwendung der C-14-Datierung für die Datierung von Handel

„Die Anwendung der Kohlenstoff-14-Datierung ist oft durch große Unsicherheitsspannen begrenzt. Kürzlich wurde jedoch entdeckt, dass Sonneneruptionen, die auch als Sonnenstürme bezeichnet werden, in seltenen Fällen Teilchen aussenden, die innerhalb eines einzigen Jahres einen starken Anstieg der Kohlenstoff-14-Menge in der Atmosphäre verursachen können. Diese kosmischen Ereignisse sind auch als Miyake-Ereignisse bekannt, benannt nach der japanischen Wissenschaftlerin Fusa Miyake, die dieses Ereignis 2012 erstmals entdeckte. Wenn diese Schwankungen in detaillierten Aufzeichnungen wie Baumringen oder in einer archäologischen Stratigraphie identifiziert werden können, tragen sie dazu bei, die Unsicherheitsspanne erheblich zu verringern“, sagt die Erstautorin Bente Philippsen. 

Die Forscher verwendeten eine neue, verbesserte Kalibrierungskurve auf der Grundlage jährlicher Proben, um ein Miyake-Ereignis im Jahr 775 n. Chr. in einer Bodenschicht in Ribe zu identifizieren. Dadurch war es möglich, die gesamte Schichtreihe mit insgesamt 140 C-14-Daten zeitlich zu verankern. 

„Die Ausdehnung der afro-eurasischen Handelsnetze zeigt sich unter anderem an der großen Zahl der importierten Perlen aus dem Nahen Osten. Wir können diese Expansion in Ribe genau auf 790±10 n. Chr. datieren – was mit dem Beginn der Wikingerzeit zusammenfällt. Gleichzeitig können wir feststellen, dass bereits um 750 n. Chr. Waren aus Norwegen importiert wurden“, sagt Professor Søren Sindbæk, der ebenfalls zum Forschungsteam gehört.  

Eine Auswahl importierter Glasperlen aus dem späten 8. und frühen 9. Jahrhundert n. Chr., die in einem Kaufhaus in Ribe, Dänemark, gefunden wurden. Wie die neue Studie zeigt, wurde die lokale Glasperlenproduktion um 790 n. Chr. weitgehend durch Fernimporte ersetzt. Foto: Sydvestjyske Museer

Diese bahnbrechende Entdeckung stellt eine der am weitesten verbreiteten Erklärungen für den Aufschwung der wikingerzeitlichen Seefahrt in Frage – dass nämlich die skandinavische Seefahrt aufgrund des wachsenden Handels mit dem Nahen Osten über Russland aufblühte. Die maritimen Netze und der Fernhandel waren dagegen bereits mehrere Jahrzehnte etabliert, bevor Impulse aus dem Nahen Osten zu einem weiteren Ausbau dieser Netze führten. 

Die Entwicklung der neuen jährlichen Kalibrierungskurve ist eine globale Anstrengung, zu der Forscher von UrbNet und dem Aarhus AMS Center am Fachbereich Physik und Astronomie der Universität Aarhus beigetragen haben. „Die Entwicklung einer Kalibrierungskurve ist eine große internationale Anstrengung mit Beiträgen von vielen Laboratorien aus der ganzen Welt. Die Entdeckung von Fusa Miyake im Jahr 2012 hat unsere Arbeit dahingehend revolutioniert, dass wir nun mit einer jährlichen Zeitauflösung arbeiten. Es werden laufend neue Kalibrierungskurven veröffentlicht, die letzte im Jahr 2020, zu der das AMS-Zentrum Aarhus einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Die neuen hochauflösenden Daten aus dieser Studie werden in einer künftigen Aktualisierung der Kalibrierungskurve verwendet und tragen so dazu bei, die Genauigkeit archäologischer Datierungen weltweit zu verbessern, was bessere Möglichkeiten bietet, schnelle Entwicklungen wie Handelsströme oder Umweltveränderungen in der Vergangenheit zu verstehen“, sagt Jesper Olsen, außerordentlicher Professor am Aarhus AMS Center.  Die in der Studie aufgezeigten globalen Trends sind für die archäologische Arbeit in Handelsstädten wie Ribe von entscheidender Bedeutung. „Die neuen Ergebnisse erlauben es uns, den Zustrom neuer Artefakte und weitreichender Kontakte auf einer viel besseren Grundlage zu datieren. Es wird uns helfen, Ribe in der Wikingerzeit auf eine Art und Weise zu visualisieren und zu beschreiben, die für Forscher von großem Wert sein wird und uns hilft, der Öffentlichkeit neue Erkenntnisse zu präsentieren“, sagt Claus Feveile, Kurator am Sydvestjyske Museer.

Im Rahmen des Projekts Northern Emporium wurden Teile der Hauptstraße und ein Gelände mit Häusern und Werkstätten des wikingerzeitlichen Emporiums in Ribe ausgegraben. Die Ausgrabungen folgten akribisch der Stratigraphie der Böden und Abfallhalden, um die wechselnden Aktivitäten und die Ankunft von Handelsgütern an der Stätte zu verfolgen (Foto: Sydvestjyske Museer).

Hintergrundinformationen zum Handel

Eines der spektakulärsten Ereignisse der Vormoderne in Bezug auf globalen Handel fand in der Zeit von 750 bis 1000 n. Chr. statt, als der Handel mit dem entstehenden islamischen Reich im Nahen Osten praktisch alle Teile Afro-Eurasiens verband.   Die zahlreichen Münzen, Glasperlen und anderen exotischen Gegenstände sind archäologische Spuren von Handelsbeziehungen, die sich von Südostasien und Afrika bis nach Sibirien und in die nördlichsten Ecken Skandinaviens erstreckten. In Skandinavien markieren diese Fernhandelsverbindungen den Beginn der Seefahrerabenteuer, die die Wikingerzeit prägen. Gelehrte haben sogar behauptet, dass der Zustrom von Silber und anderen Wertgegenständen über Osteuropa der Auslöser für die ersten skandinavischen Wikingerexpeditionen war.  Es hat sich jedoch als schwierig erwiesen, den Zeitpunkt des Eintreffens der Perlen und Münzen aus dem Nahen Osten mit anderen Entwicklungen in der Wikingerzeit in Verbindung zu bringen, einschließlich der berüchtigten Überfälle, die Westeuropa ab etwa 790 erschütterten. 

Die Ergebnisse wurden in Nature veröffentlicht: https://www.nature.com/articles/s41586-021-04240-5

Nach Pressemeldung der Universität Aarhus.

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