Ungewöhnliche Bestattungspraktik in der Slowakei entdeckt

Grabung Slowakei
Momentaufnahme während der Ausgrabung. Das Bild wurde im Schnitt 25 aufgenommen. Die tiefen Ausgrabungslöcher zeichnen den Verlauf des Grabens nach. Dieser wurde in versetzten, schachbrettmusterartigen Segmenten ausgegraben. © Sebastian Schultrich, Uni Kiel

Kopflose Skelette, angeordnet rund um eine jungsteinzeitliche Siedlung: Diesen Fund haben Archäologinnen und Archäologen des Sonderforschungsbereiches (SFB) 1266 „TransformationsDimensionen – Mensch-Umwelt Wechselwirkungen in Prähistorischen und Archaischen Gesellschaften“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Vráble (Slowakei) gemacht. Die Forschenden aus Kiel und Nitra fanden heraus, dass die Bestattungspraktiken eine hohe symbolische Bedeutung für die damalige Gesellschaft besaßen.

In Vráble wurden drei Siedlungen aus der späteren sogenannten Linearbandkeramischen Kultur (5250–4950 vor unserer Zeitrechnung, v. u. Z.) in direkter Nachbarschaft zueinander entdeckt. Diese drei Siedlungen waren um 5110 v. u. Z. mit bis zu 69 gleichzeitigen Häusern und geschätzten 590 Einwohnerinnen und Einwohnern riesig für diese Epoche. Eine dieser Siedlungen war zusätzlich von einem Graben umgeben, der den Zugang erschwerte und durch eine Palisade einen Sichtschutz bot. Innerhalb dieses Grabens fanden sich zahlreiche Skelette. Diese waren nur in Ausnahmefällen sorgfältig mit Grabbeigaben bestattet, wie es von anderen Friedhöfen aus der Zeit bekannt ist. Vielmehr wirken die Körper als seien sie achtlos entsorgt, zum Teil sogar in die Gräben hineingezogen worden.

Eine archäologische Spurensuche

Was also inspirierte die Menschen damals dazu, Verstorbene um die Siedlung herum zu deponieren? „Um zu einer Erklärung zu gelangen, mussten wir den Fall ganz ausrollen, wie in einem Kriminalfall jedes Detail betrachten“, erläutert Professor Martin Furholt, Leiter des Forschungsteams. Ein erster Verdacht war, dass die soziale Stellung der Verstorbenen hier zum Ausdruck gebracht wurde. Denn in vielen Gesellschaften lässt sich der Aufwand der Gestaltung einer Bestattung sowie die Menge und Qualität der Grabbeigaben als Hinweis auf die soziale Stellung der Verstorbenen verstehen. Gleiches ist etwa von den Pyramiden in Ägypten, frühmittelalterlichen Kriegergräbern oder großen, bronzezeitlichen „Fürstenhügeln“ in Nord- und Mitteleuropa bekannt. Aus dieser Perspektive ließe sich der Graben in Vráble als Bestattungsplatz von gesellschaftlich ausgegrenzten Personen wie Kriminellen deuten. So erinnern die fehlenden Köpfe auch an Enthauptungen von Straftätern in früheren Zeiten. Eine weitere, frühe Interpretation der Forschenden sah vor, die Kopflosen als Zeugen von Gewaltausbrüchen aufzufassen. Forschungsergebnissen der vergangenen Jahre aus Vráble belegen, dass es im Zuge der dichten Besiedelung zu Ressourcenverknappung kam und diese vermutlich zu Rivalitäten zwischen den drei Siedlungen und ihrem anschließenden Zusammenbruch führte. Doch so einfach ist es nicht, wie die Grabungen im Sommer 2021 verdeutlichten.

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Es ergaben sich wiederkehrende Muster: Alle Skelette lagen an den Durchgängen der Gräben. Zudem wurden sie häufig als Paare deponiert, einmal sogar zu Dritt nebeneinander. Neben den Köpfen wurden vielen Individuen auch die Hände und Füße abgetrennt. „Die Deponierung der Körper in den Gräbern sowie die gezielte Entnahme bestimmter Körperteile sind als bewusste Akte zu verstehen, die definierten Regeln folgten“, erklärt Dr. Maria Wunderlich. „Nur ist unklar, wo die fehlenden Körperteile abgeblieben sind.“ Herausfinden konnte das Anthropologieteam aber, dass die Körperteile postmortal einige Wochen nach dem Tod entnommen wurden. Der erste Halswirbel befand sich beispielsweise noch am Schädel. Daraus schließen die Forschenden, dass die Körper bereits einige Wochen alt, aber noch nicht vollständig verwest waren, als die Köpfe entfernt worden sind. Ob die Toten vor der endgültigen Bestattung an einem anderen Ort aufgebahrt oder gezielt wieder ausgegraben wurden, ließ sich nicht feststellen.

Ahnenverehrung und Bestattungskultur

Doch warum wurden die Toten auf diese Weise begraben? Eine Erklärung könnten kulturelle Besonderheiten im Umgang mit Verstorbenen sein. In vielen prähistorischen, aber auch noch in heutigen Gesellschaften gab und gibt es verschiedene Ahnenkulte, in denen die Verstorbenen – oder Teile von ihnen – aufbewahrt wurden und werden. „Schädelkult und Leichenzerstückelung sind in der Jungsteinzeit weit verbreitet und mit magischen oder religiösen Vorstellungen verknüpft, deren Bedeutung sich uns natürlich entzieht. Aber es wird schon deutlich, dass es eben unterschiedliche Kategorien von Menschen gab, bezüglich der Art und Weise wie mit ihnen nach ihrem Tod umgegangen wurde“, berichtet Professor Johannes Müller, Sprecher des Sonderforschungsbereichs 1266. „Verstorbene Angehörige konnten so noch über viele Jahre hinweg physisch den Alltag oder einzelne Zeremonien begleiten. Häufig ist auch ein richtiger Schädelkult zu beobachten, in dem diese aus den Bestattungen entnommen und zum Beispiel zu Totenmasken gestaltet oder in Schädelnestern arrangiert wurden.“

Skelette Slowakei
Im Schnitt 26 kam die Dreifachbestattung zum Vorschein. Hier wurde das einzige Individuum entdeckt, dessen Kopf nicht abgetrennt wurde. Den beiden anderen Individuen fehlt der Kopf, wie es charakteristisch für den Fundplatz ist. © Till Kühl, Uni Kiel

Die Rituale aus Vráble müssen vor dem Hintergrund erheblicher sozialer Umwälzungen betrachtet werden. „Um 5.000 v. u. Z. haben die Menschen lange genutzte Siedlungen aufgegeben und neue gegründet. Architekturen, Werkzeuge und überregionale Kommunikationsstrukturen veränderten sich erheblich“, legt Dr. Ivan Cheben, ein slowakischer Projektpartner an der Akademie der Wissenschaften in Nitra, dar. Deutlich wird dies in vielen Bereichen. Der überregionale Keramikstil der sogenannten „Linearbandkeramik“ (5500–4900 v. u. Z.) weicht regionalen Stilen und ab 4900 v. u. Z. wird nicht mehr von Linearbandkeramik gesprochen. Auch die Bestattungsrituale, die über Jahrhunderte einheitlich in dem großen Verbreitungsraum waren, wurden mit der Zeit immer diverser. Neben ordentlichen Bestattungen auf externen Gräberfeldern wurden zunehmend Siedlungs- und Teilbestattungen angelegt. All dies zusammen spricht dafür, dass jene Traditionen, die über Jahrhunderte Alltag und Ritual der frühen Bauerngesellschaften bestimmten, obsolet wurden. Dafür traten neue Strukturen und Vorstellungen in Kraft und diese waren weniger durch überregionale, sondern vielmehr durch lokale Vorstellungen geprägt.

In diesem Zusammenhang bewerten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch das Ritual in Vráble. Was auch immer die Kopflosen zu berichten hätten – gewiss ist, ihre strukturelle Deponierung war bedeutsam für die lokale Bevölkerung. „In vormodernen Gesellschaften erfüllten strukturierte Rituale einen speziellen Zweck. Die Menschen haben nicht durchschaut, was für Leid oder Wohlergehen, für klimatische Gunst- oder Ungunstphasen, Krankheit und Genesung verantwortlich gewesen ist. Das Deponieren der Körper in den Gräben kann als Ausdruck einer Botschaft an die Natur oder Gottheiten erachtet werden. Mit ihren rituellen Akten haben sie versucht, ihrer Umwelt Struktur zu verleihen und diese zu beeinflussen“, erklärt Prof. Dr. Martin Furholt.

Originalpublikation

Martin Furholt, Ivan Cheben, Johannes Müller, Alena Bistáková, Maria Wunderlich & Nils Müller-Scheeßel (2020): Archaeology in the Žitava valley I: The LBK and Želiezovce settlement site of Vráble, Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 09. Leiden: Sidestone Press.

Nach Pressemitteilung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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